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Für Politik, Medizin, Forschung, Pharma und Fördernde: die Lage in Österreich und unser Plan für ein Kompetenzzentrum.

Früherkennung und Frühförderung: Evidenz

Wissenschaftliche Evidenz

Meta-Analysen und randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zeigen klar: Kinder, die früh und gefördert werden, erzielen signifikant bessere Ergebnisse als Vergleichsgruppen. Besonders intensiv, individuell abgestimmte und interdisziplinäre Programme gelten als am wirksamsten.

Die EACD (european academy of childhood disability) ist hier das maßgebliche europäische Forschungs Netzwerk (ERN).

Was das für Kinder und Familien bedeutet, steht unter Grundlagen für den Bedarf.

Maßgebliche Studien

CP-EDIT-Studie (Dänemark)

Die CP-EDIT (early detection and intervention trial) verbindet frühe Diagnostik mittels GMA (General Movements Assessment) und HINE (Hammersmith Infant Neurological Examination) mit familienzentrierten Frühinterventionsprogrammen wie dem GO-PLAY (Goal Oriented ParentaL supported home ActivitY program), bei dem Eltern in der Förderung ihrer Kinder zu Hause angeleitet werden. Untersucht wird der Einfluss der frühen Diagnose und Förderung auf die Entwicklung von Kindern mit CP, aber auch auf die Perspektive der Eltern. CP-EDIT Toolkit für Eltern

Die Studie wurde im Rigshospitalet (Kopenhagen), im Aarhus Universitätskrankenhaus, im Aalborg Universitätskrankenhaus und im Herlev Krankenhaus durchgeführt und umfasst rund 500 Säuglinge im Alter von 3 bis 11 Monaten, wovon etwa 300 bis zum zweiten Lebensjahr nachverfolgt werden. Sie zeigt: Frühzeitige Förderung führt zu einer besseren motorischen Entwicklung, erhöht die elterliche Sicherheit und verbessert die Alltagskompetenz der Kinder.

Studienstruktur:

  1. General Movements Assessment (GMA): Implementierung dieses Assessments in dänischen Kliniken zur Früherkennung von CP.
  2. Frühdiagnostik & Prognose: Untersuchung der Aussagekraft früher neuro-motorischer Untersuchungen zur sicheren CP-Diagnose.
  3. Elternperspektive: Qualitative Studie über die Sorgen und Chancen, die Eltern bei einer frühen Diagnose wahrnehmen.

Hintergrund: Frühdiagnose ermöglicht Intervention in einem Zeitraum maximaler neuronaler Plastizität. Ziel ist es, das aktuelle Durchschnittsalter der Diagnose (13 Monate in DK) zu senken.

Frühdiagnostische Verfahren: GMA und HINE

Das General Movements Assessment (GMA) ermöglicht bereits im Alter von 3 bis 5 Monaten (korrigiert), neurologische Auffälligkeiten anhand von videobasierten Beobachtungen zu erkennen. Besonders das Fehlen von „fidgety movements“ gilt als starker Hinweis auf ein CP-Risiko. Die Methode ist nicht-invasiv, kostengünstig und in Studien sehr valide. Ausbildung zu GMA

Die Hammersmith Infant Neurological Examination (HINE) ist eine standardisierte Untersuchung für Kinder zwischen 2 und 24 Monaten. Sie wurde von Dr. Lilly und Prof. Victor Dubowitz konzipiert und ist heute ein zentrales Instrument zur Früherkennung von CP. Die HINE umfasst 26 Items in fünf Hauptbereichen:

  1. Hirnnervenfunktion (z. B. Augenbewegungen, Gesichtsmimik)
  2. Körperhaltung und Spontanbewegungen
  3. Muskeltonus
  4. Reflexe und Schutzreaktionen
  5. Verhalten und Interaktion

Jedes Item wird mit Punkten bewertet, sodass ein Gesamtscore entsteht. Ein niedriger Score kann auf neurologische Auffälligkeiten hindeuten – insbesondere bei Kindern mit CP-Risiko (z. B. Frühgeburt, auffälliger GMA-Befund).

Warum ist die HINE so wertvoll?

  • Einfach durchführbar: Die Untersuchung dauert etwa 10–15 Minuten und benötigt keine spezielle Ausrüstung.
  • Hohe Vorhersagekraft: In Kombination mit anderen Verfahren (z. B. GMA, MRT) kann die HINE bereits im ersten Lebensjahr eine verlässliche CP-Diagnose unterstützen.
  • Frühzeitige Therapieplanung: Die Ergebnisse helfen, gezielte Frühinterventionen zu planen – z. B. Baby-CIMT bei einseitiger CP.

Beispiel: Was bedeutet ein Score? Ein asymmetrischer Score > 5 kann z. B. auf eine unilaterale CP hindeuten. Ein Gesamtscore < 40 im Alter von 6 Monaten ist mit einem hohen Risiko für schwere motorische Einschränkungen assoziiert.

In der CP-EDIT-Studie werden GMA und HINE kombiniert eingesetzt, um bereits vor dem 6. Lebensmonat eine fundierte Einschätzung zum CP-Risiko zu ermöglichen – und damit möglichst früh mit gezielter Förderung zu beginnen.

In Norwegen wird bereits daran gearbeitet, durch Video-Analysen die auf eine große Datenbank zurückgreifen, Auffälligkeiten mittels einer App zu diagnostizieren.

Quellen: Holland Bloorview – HINE, HINE-Formular auf Deutsch (Mac Keith Press)

AHA-Tests

Assisting Hand Assessments für unilateral betroffene Kinder messen die Fähigkeiten der betroffenen Hand und helfen die fehlenden Fähigkeiten zu verbessern. AHA Tests gibt es als Mini-AHA für Kleinkinder von 8-18 Monate und danach als AHA Test von 18 Monaten bis 18 Jahren. Weiters gibt es den BoHa-Test – both hands assessment.

AHA Tests gelten mittlerweile international als Goldstandard, um den genauen Status des Bewegungsumfangs zu erheben und Therapiefortschritte zu messen. Ab einer Steigerung um 5 Units ist eine Verbesserung messbar, darunter kann es sich um Schwankungen handeln.

Neu ist der AHA Testfür Säuglinge von 3 bis 8 Monaten, das hand assessment für infants (HAI) das auch zur Früherkennung genutzt werden kann.

Ausbildungen zu diesen Testungen gibt es über die australische Plattform CP Teaching – Cerebral palsy professional development

bzw. in Schweden am Karolinska Institutet

online HAI Ausbildung am Karolinska Institutet in Schweden

LEAP-CP Trial (Australien)

Im Rahmen des LEAP-CP Trials wurde ein intensives, elternbasiertes Frühförderprogramm für Hochrisiko-Säuglinge unter neun Monaten getestet:

  • Intensive, elterngeleitete Aktivitätstrainings im häuslichen Kontext
  • Signifikante Verbesserungen in Grobmotorik (GMFM) und Wahrnehmung
  • Reduzierung des elterlichen Stresserlebens

Cochrane-Analyse zur Frühintervention

Eine systematische Cochrane-Übersicht bewertet Maßnahmen, die bei Neugeborenen mit erhöhtem Risiko (z. B. Frühgeburt, Sauerstoffmangel, Infektionen) eingesetzt werden, um CP zu verhindern.

  • Wichtigste Erkenntnis: Die Hypothermie-Therapie (kontrollierte Kühlung des Körpers oder Gehirns) bei Neugeborenen mit Sauerstoffmangel rund um die Geburt reduziert signifikant das Risiko für CP – Evidenz aus 7 Studien mit 881 Kindern, hohe Qualität.
  • Weitere Interventionen: Viele andere Maßnahmen (z. B. Medikamente, Beatmung, Ernährung) wurden untersucht, aber die Evidenz war oft inkonsistent oder von niedriger Qualität.
  • Frühgeborene: Es gibt Hinweise, dass multimodale Frühinterventionen (medizinisch + entwicklungsfördernd) mit Elternbeteiligung insbesondere im ersten Lebensjahr die motorische und kognitive Entwicklung verbessern – aber es braucht mehr Forschung.

Bedeutung für die Praxis: Gezielte Frühinterventionen – insbesondere bei Hochrisikoneugeborenen – können einen nachweisbaren Einfluss auf das CP-Risiko haben. Gleichzeitig zeigt die Übersicht, wie wichtig qualitativ hochwertige Studien sind, um weitere wirksame Maßnahmen zu identifizieren.

In Österreich beschäftigt sich Cochrane Österreich an der Universität für Weiterbildung Krems damit. Mehr zu Cochrane: www.cochrane.org

CP-North: Leben mit CP in den nordischen Ländern

Das Projekt CP-North analysiert länderübergreifend die Lebensqualität, Gesundheit, Bildung und soziale Teilhabe von Menschen mit CP in Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und Island. Die Ergebnisse zeigen, dass frühzeitige und koordinierte Versorgung sowie familienfreundliche Politik langfristig die Gesundheit, Lebenszufriedenheit und Integration fördern. Ausführlich unter Grundlagen für den Bedarf.

Therapie, Versorgung und Standards

Versorgungs-Register

In Nord-Europa gibt es mit CP-UP ein Screening und Versorgungs-Register, das seit seiner Einführung für eine signifikante Verbesserung des Outcomes der Patient:innen sorgt. So sind dort z.B. Hüftluxationen bei Kindern mit Zerebralparese quasi nicht mehr vorhanden. Auch die Schweiz führt mit Swiss-CP-Reg ein solches Register und will durch das zentrale Sammeln von medizinischen Daten relevante Fragen beantworten und die Zusammenarbeit zwischen den Zentren verbessern. Ein Programm nach diesem Vorbild ist für Österreich absolut zu empfehlen.

Evidenzbasierte Therapiestandardisierung

In Australien hat Brian Hoare einen Therapiestandard entwickelt, der bereits in Teilen in Vogtareuth eingeführt und angepasst wurde. Hierbei kommen standardisierte Testverfahren wie AHA, GMFCS, MACS oder BFMF zum Einsatz und präferiert Therapieansätze, die in Studien als besonders wirksam hervorgegangen sind. Das sind insbesondere die Therapie mit Botox und bimanuales Intensivtraining zur Verbesserung der motorischen Fähigkeiten und SDR-Operationen zur Reduktion der Spastik und Kontrakturvermeidung. Die meisten Studien gibt es zu unilateraler CP.

State of Evidence Traffic Lights

Die Traffic Lights Studie von Iona Novak et al. bietet einen evidenzbasierten Leitfaden zur Prävention und Therapie von Zerebralparese (CP) bei Kindern. Sie analysiert die Wirksamkeit zahlreicher Interventionen anhand eines Ampelsystems und stützt sich auf über 200 systematische Reviews, die zwischen 2012 und 2019 veröffentlicht wurden.

Die grün markierten Therapiearten sind in dieser Studie als besonders wirksam hervorgegangen.

Öffne Evidenz-Ampel

Quelle: State of the Evidence Traffic Lights 2019: Systematic Review of Interventions for Preventing and Treating Children with Cerebral Palsy | Current Neurology and Neuroscience Reports

Weitere Studien

Morgan, C. et al. (2021). Early Intervention for Children Aged O to 2 Years with or at High Risk of Cerebral Palsy: International Clinical Practice Guideline Based on Systematic Reviews. JAMA Pediatrics. https://doi.org/10.1001/jamapediatrics.2021.0878

Boyd, RN., Greaves S., et al. (2025). Randomized Comparison Trial of Rehabilitation Very Early for Infants with Congenital Hemiplegia. J Pediatr. doi: https://doi.org/10.1016/j.jpeds.2024.114381

Jackman, M. et al. (2021). Interventions to improve physical function for children and young people with cerebral palsy: international clinical practice guideline. Developmental Medicine & Child Neurology. https://doi.org/10.1111/dmcn.15055

Greaves, S., Hoare B (2024). Upper Limb Therapy for Infants and Young Children with Unilateral Cerebral Palsy: A Clinical Framework. J Clinical Medicine. https://doi.org/10.3390/jcm13226873

Orton, J. et al. (2024). Early developmental intervention programmes provided post hospital discharge to prevent motor and cognitive impairment in preterm infants. Cochrane Database of Systematic Reviews. https://doi.org/10.1002/14651858.CD005495.pub5